Wiedererstandene Adelskultur um Šakiai

Wenn man vor nicht allzu langer Zeit Suwalkien bereiste, traf man als Zeugen vergangener Adelskultur einzig verlassene und verfallene Herrenhäusern. Einige von ihnen wurden in den letzten Jahren jedoch restauriert und erleben jetzt eine echte Renaissance. In der Gegend um Šakiai am linken Nemunasufer kann man gleich drei einzigartige, Herrenhäuser besichtigen, deren Blütezeit auf das 19. Jahrhundert zurückgeht.

Die im Stil des Klassizismus und Neo-Klassizismus erbauten Herrenhäuser Gelgaudiškis, Zypliai und Kiduliai wurden nicht nur als attraktive Tourismusobjekte wiederbelebt, sondern dienen auch als kulturelle Oasen und Versammlungsorte. Verschiedene Bildungsprogramme, dramatisierte Führungen oder sogar Einführungen in die auf den Herrenhäusern üblichen Tänze bieten Einblick in die Gepflogenheiten des litauischen Adelsstandes.

Besonderes Flair - Gut Gelgaudiškis

In der kleinen Stadt Gelgaudiškis am malerischen Nemunasufer steht eine der größten und eigentümlichsten Herrenhäuser in Litauen. Vor einigen Jahren erregte das restaurierte Schloss Gelgaudiškis mit seiner besonderen Aura die Aufmerksamkeit der Filmschaffenden, die es als Kulisse einiger Szenen des Films „Tadas Blinda“ auswählten.

Schloss Gelgaudiškis wurde 1842-1846 auf Initiative des preußische Barons Gustav von Keudells erbaut, und 1900 von der Familie Komar zur Vollendung gebracht. Im Zuge der kostenaufwändigen Ausbauten erhielt das Haus verzierte Kachelöfen und Kamine, die Wände wurden mit Malereien versehen und die Decken mit Kristalllüstern verziert. Die Komar führten auf dem Gut damals wie Zauberei anmutende Neuerungen ein, darunter Wasserversorgung, Kanalisation, Telefon, Strom und sogar einen Aufzug.

Gut Gelgaudiškis rühmt sich nicht zuletzt seines 118 Hektar großen Parks an den Hängen des Nemunas. Auf einem „Stern“ genannten Platz pflegten dort die von der Jagd heimkehrenden Herren zu schmausen. Aber hier wurden auch Strafen vollstreckt, denn auf dem „Stern“ ließ der gestrenge Gutsherr Komar ungehorsame Leibeigene auspeitschen. Heute richtet Gut Gelgaudiškis Festivals, Ausstellungen und Konzerte aus. Wer etwas vom Geist des litauischen Adelsstands im 19. Jahrhundert schnuppern möchte, dem seien die dramatisierten Führungen und die Festbankette ans Herz gelegt.

Gut Zypliai – Anlaufstelle für Künstler

Im Vergleich zu Gelgaudiškis kann man Gut Zypliai als jung bezeichnen. Das Landgut in der Nähe von Šakiai hatte Kaiser Napoleon 1807 dem Fürsten Józef Poniatowski, einem seiner Marschalle, geschenkt. Als dieser ertrank, ging das Gut in den Besitz von Jonas Bartkowski über. Erst er ließ ein schlichtes, einstöckiges Gutshaus im klassizistischen Stil erbauen.

Sein heutiges Aussehen erhielt das Gebäude im Jahr 1901 unter dem Grafen Tomasz Potocki. Er ließ auf beiden Seiten des Gebäudes zweistöckige Flügel ansetzen sowie den Park vergrößern und mit zusätzlichen exotischen Pflanzen zu den einheimischen bereichern. Zu Zeiten der Potocki verkehrten auf dem Gut Vertreter der besseren Gesellschaft und hochrangige Künstler. Der Graf selbst griff in seiner Freizeit zur Feder und schrieb Theaterstücke.

Auch heute noch ist man auf Gut Zypliai den Künsten zugeneigt. Im ehemaligen Marstall befindet sich heute eine Kunstgalerie, in der Ausstellungen, Veranstaltungen sowie Konzerte im Rahmen des Musikfestivals von Pažaislis dargeboten werden. Das Restaurant im restaurierten Herrenhaus wartet mit Gerichten aus damaligen Zeiten auf.

Gut Kiduliai – Bewirtung und Tanz

Von Jurbarkas aus gesehen auf der anderen Seite des Nemunas liegt das eher bescheiden anmutende Landgut Kiduliai. Hinsichtlich seiner Geschichte muss sich das im 16. Jahrhundert erstmals erwähnte Anwesen jedoch keineswegs verstecken. Damals gehörte es dem Schatzmeister des Großherzogtums Litauen, Kryszpin-Kirszensztein, und 1806 stieg hier gar der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. zur Nacht ab. An diesem Ort bereitet er sich auf die Unterzeichnung der Friedensabkommen mit dem französischen Kaiser Napoleon in Tilsit vor.

1837 wurde Gut Kiduliai dem Baron Johann von Offenberg für militärische Verdienste übereignet. Das Gut erfuhr seine eigentliche Blütezeit und die Einheimischen begannen das Herrenhaus sogar Schloss zu nennen. Da Offenberg ein Botanikfreund war, ließ er nicht nur das Herrenhaus umbauen, sondern nahm sich auch der Parkgestaltung an. Fortan blühten im Sommer zahlreiche Rosen und die Parkwege säumten Hortensien- und Jasminhecken.

Das heutige Gut Kiduliai wurde für touristische und Gemeindezwecke hergerichtet. Hier können Sie nicht nur die Geschichte des Anwesens erfahren, sondern auch Tänze des 19. Jahrhunderts erlernen, Gerichte vergangener Epochen kosten und sogar litauischen Wein trinken.